Führung und Krankenstand

Warum ist der Krankenstand ein Führungsthema und kein HR-Thema?

Impuls · 29. Juli 2026

Der Krankenstand in Deutschland ist im ersten Halbjahr 2026 leicht gesunken.

Wenn Sie für ein Team verantwortlich sind, ist das vermutlich die einzige Zahl zu diesem Thema, die Sie regelmäßig auf den Tisch bekommen — und die einzige, für die Sie sich regelmäßig erklären müssen. Erhoben hat sie jemand anderes. Entstanden ist sie in Ihrem Bereich. Und zu dem Zeitpunkt, an dem Sie sie sehen, konnten Sie sie längst nicht mehr beeinflussen. Das ist eine unangenehme Lage, und sie ist nicht Ihr Versäumnis.

Ihr Thema ist sie trotzdem. Denn unter Druck misst diese Zahl etwas anderes, als die meisten annehmen. Sie misst nicht, wie gesund ein Haus ist. Sie misst, wie viele Menschen es sich leisten konnten, zu Hause zu bleiben.

Nicht die Höhe des Krankenstands ist die Führungsinformation. Ihre Zusammensetzung ist es.

Was wir für das erste Halbjahr 2026 belastbar wissen

184

Fehltage je 100 Versicherte durch psychische Erkrankungen — ein Anstieg um neun Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

175

Fehltage je 100 Versicherte durch Atemwegserkrankungen — ein Rückgang um 21 Prozent.

5,3 %

Gesamtkrankenstand im ersten Halbjahr 2026 — nur 0,1 Prozentpunkte unter dem Vorjahr.

Psychische Diagnosen stehen damit erstmals an der Spitze der Fehlzeitenstatistik. Ausgewertet hat das IGES Institut im Auftrag der DAK-Gesundheit, veröffentlicht am 20. Juli 2026.

Achtung: Diese Zahlen zeigen in entgegengesetzte Richtungen. Der Gesamtwert sinkt. Die Diagnosegruppe mit der längsten Ausfalldauer steigt. Wer nur den Gesamtwert liest, denkt das Gegenteil dessen, was gerade passiert.

Warum sinkt der Krankenstand ausgerechnet jetzt?

Weil Menschen unter Druck seltener zu Hause bleiben. Nicht, weil es ihnen besser geht.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat das für Deutschland untersucht, an rund 5.000 Beschäftigten aus 846 Betrieben. Die Erhebung stammt aus 2016. Rund 68 Prozent gingen damals mindestens einmal krank zur Arbeit, im Schnitt an 8,7 Tagen. Entscheidend ist der Unterschied dazwischen: Bei Beschäftigten mit Angst vor dem Jobverlust lag der Anteil bei 75 Prozent — gegenüber 66 Prozent bei denen, die ihre Stelle als sicher ansehen. Derselbe Zusammenhang zeigt sich über den Konjunkturverlauf: Die krankheitsbedingte Abwesenheit sinkt, wenn die Arbeitslosenquote steigt.

Der Fachbegriff dafür ist Präsentismus. Im Alltag heißt er: Man schleppt sich trotzdem zur Arbeit.

Und jetzt die Zahl, auf die es hier ankommt. Die Techniker Krankenkasse hat erhoben, bei welchen Beschwerden Menschen am ehesten trotzdem erscheinen: bei emotionaler Erschöpfung 56,8 Prozent — bei körperlichen Verletzungen 34,8 Prozent.

Der Punkt ist: Genau die Diagnosegruppe, die 2026 steigt, ist die, bei der Menschen am seltensten zu Hause bleiben. Was in der Statistik ankommt, ist die Spitze. Der Rest sitzt, mental halb oder ganz krank, am Schreibtisch.

Meine Deutung, und ich kennzeichne sie als solche: Wir sehen keine Entspannung, sondern eine Verschiebung: Wirtschaftliche Unsicherheit, laufende Umbauten (u.a. durch verstärkten KI-Einsatz), die offene Frage, welche Tätigkeiten in einigen Jahren noch von Menschen erledigt werden — das sind keine Randbedingungen. Das sind genau die Bedingungen, unter denen eine Fehlzeiten-Statistik aufhört, ein sinnvolles Gesundheitsmaß zu sein.

Anwesenheit ist keine Verfügbarkeit

Bevor Sie an Ihr Team denken: Rechnen Sie sich mit.

Die Stelle im Nachbarreferat ist seit sieben Monaten unbesetzt. Die Vertretungsregelung ist eine Liste, die niemand mehr ernst nimmt. Am Freitag stand eine Entscheidung an, die eigentlich eine Ebene tiefer gehört hätte — Sie haben sie getroffen, weil der Vorgang sonst liegen bleibt. Krankgemeldet waren Sie in dieser Woche an keinem Tag. In der Verfassung, in der Sie solche Entscheidungen normalerweise treffen, fühlten Sie sich an mindestens zweien nicht.

In keiner Statistik taucht das auf.

Bei körperlicher Arbeit fällt so etwas sofort auf — die Stückzahl sinkt, die Fehlerquote steigt, jemand greift ein. Bei geistiger Arbeit fällt es nicht auf. Eine Entscheidung unter Erschöpfung sieht am selben Tag genauso aus wie eine gute. Eine Übergabe, die unvollständig geblieben ist, wirkt vollständig. Ein Prüfvorgang, bei dem jemand über eine Zeile hinweggelesen hat, ist abgehakt.

Der Schaden entsteht trotzdem. Er taucht nur später auf, an anderer Stelle, bei jemand anderem — und heißt dann Rückfrage, Nacharbeit, Eskalation.

Und damit das klar ist: Das ist kein Charakterproblem und keine Frage der Einstellung. Wer trotz Erschöpfung erscheint, verhält sich vollkommen rational in einem System, das Anwesenheit belohnt und Genesung bestraft. Die Kritik gilt dem System. Nicht den Menschen darin — und auch nicht Ihnen.

Der Mechanismus

Was danach passiert, ist immer dieselbe Reihenfolge

Jemand fällt aus

Die Verbliebenen übernehmen die Last

Ihre Belastbarkeit sinkt

Der Nächste kippt

Präsentismus verhindert diese Spirale nicht. Er verzögert nur die erste Stufe — und macht sie unsichtbar, solange sie noch billig zu unterbrechen wäre. Wenn der Ausfall dann kommt, ist er selten kurz: Nach dem Barmer Gesundheitsreport 2026 dauert eine Arbeitsunfähigkeit aufgrund psychischer Erkrankungen im Durchschnitt rund 40 Tage je Fall.

Ein Team verkraftet mehrere kurze Ausfälle. Es verkraftet keinen, der sechs Wochen dauert.

Warum landet die Zahl trotzdem im Personalbereich?

Weil sie sich dort leicht erheben lässt. Fehltage sind dokumentiert, aggregierbar und vergleichbar — die einzige Größe in diesem Feld, die ohne Zusatzaufwand entsteht. Das macht sie zur Berichtskennzahl. Es macht sie nicht zur Steuerungsgröße.

Wenn wir ehrlich sind: Sie ist ein Spätindikator. Sie zeigt, was vor sechs bis zwölf Wochen im System passiert ist. Deshalb verpuffen Maßnahmen nach der Quartalsrunde so zuverlässig — sie setzen am Ergebnis an, nicht an dem, was es erzeugt.

Drei Größen, die sich vorher bewegen

Diese drei kann eine Führungskraft selbst erheben. Ohne Werkzeug, ohne Software, ohne dass irgendjemand überwacht wird. Sie beschreiben keine Menschen. Sie beschreiben, wo unter Druck Kapazität versickert.

Fokuszeit

Unterbrechungsarme Zeit, in der Arbeit wirklich fertig wird. Orientierung: mindestens zwei bis drei Blöcke von 60 Minuten oder länger pro Woche und Person.

Eskalationsrate

Wie oft wandern Vorgänge eine Ebene höher, als sie müssten.

Rework

Arbeit, die erneut angefasst werden muss, obwohl sie als fertig galt.

Der entscheidende Unterschied zum Krankenstand: Diese drei bewegen sich auch dann, wenn niemand fehlt. Sie sind die einzigen Größen, die den Zustand der Anwesenden abbilden.

Drei Wege, das sichtbar zu machen — nehmen Sie den, der bei Ihnen durchgeht

Wenn Sie frei entscheiden können: ein Bereich, zwei Wochen, eine Strichliste. Jedes Mal, wenn ein Vorgang eine Ebene höher geht, ein Strich. Woche eins gegen Woche zwei. Mehr braucht es nicht.

Wenn eine zusätzliche Erhebung bei Ihnen nicht durchsetzbar ist — mitbestimmungspflichtig, politisch heikel, oder schlicht eine Diskussion, die Sie diesen Monat nicht führen wollen: Nehmen Sie die Spuren, die ohnehin entstehen. Wie viele Vorgänge der letzten vier Wochen sind ein zweites Mal aufgeschlagen? Wie viele Termine in Ihrem Kalender waren länger als 60 Minuten am Stück nicht unterbrochen?

Wenn auch das zu weit geht: Es gibt einen Weg ganz ohne Zahlen. Stellen Sie in jeder Wochenrunde dieselbe Frage — „Was ist diese Woche zurückgekommen, das schon fertig war?“ — und hören Sie vier Wochen lang zu, ohne etwas daraus abzuleiten. Danach wissen Sie mehr über Ihr System als jede Fehlzeitenauswertung Ihnen sagen kann.

Nehmen Sie davon, was zu Ihrem Unternehmen, zu Ihrem Haus passt. Der Rest darf liegen bleiben.

Und in die nächste Führungsrunde gehen Sie mit einer Frage, die dort bisher niemand stellt:

Wie viele der Menschen, die im letzten Quartal nicht gefehlt haben, waren tatsächlich vollständig verfügbar?

Der Krankenstand sagt Ihnen, wer nicht da war. Über die, die da waren, sagt er nichts. Diese Zahl bekommen Sie von niemandem geliefert — Sie können sich aber ab Montag selbst ein Bild davon machen.

Quellen

  • IGES Institut im Auftrag der DAK-Gesundheit: Krankenstand im ersten Halbjahr 2026, veröffentlicht am 20. Juli 2026. dak.de
  • Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: Krank zur Arbeit — Präsentismus ist in Deutschland weit verbreitet. Linked Personnel Panel 2016/17. iab-forum.de
  • Techniker Krankenkasse: Dossier Präsentismus, 2022. tk.de (PDF)
  • Barmer Gesundheitsreport 2026, Berichtsjahr 2025. barmer.de

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