Unterbesetzung und Führung
Was ändert sich an Führung, wenn dauerhaft ein Fünftel fehlt?
Der Dienstplan geht auf.
Er geht auf, weil zwei Dienste mit einer Person weniger gerechnet sind. Weil an drei Wochenenden Zusagen stehen, die noch niemand schriftlich hat. Und weil jemand aus dem Frei geholt wird, sobald etwas dazwischenkommt. Auf dem Papier ist er in Ordnung. Er ist nur nicht belastbar.
Das ist keine schlechte Planung. Es ist die einzige Planung, die diese Besetzung hergibt.
Nicht die einzelne Lücke ist das Problem. Sondern dass für den Fall, dass sie bleibt, nichts gebaut wurde.
Was sich rechnerisch nicht schließen lässt
Die Bundesagentur für Arbeit hat im Mai 2026 ihren Bericht zur Arbeitsmarktsituation in Pflegeberufen vorgelegt. Zwei Zahlen daraus.
Im Jahresdurchschnitt 2025 waren rund 31.000 Stellenangebote für Pflegekräfte gemeldet. Und auf 100 gemeldete Stellen für Pflegefachkräfte kamen 57 arbeitslose Pflegefachkräfte.
Beide Zahlen sind vorsichtig zu lesen. Gemeldet wird der Bundesagentur nur ein Teil der offenen Stellen; die tatsächliche Zahl liegt höher. Und die zweite Zahl bedeutet nicht, dass niemand mehr eingestellt wird — die meisten Wechsel finden zwischen Häusern statt, nicht aus der Arbeitslosigkeit heraus. Genau das ist der Punkt: Jede Einstellung, die bei Ihnen gelingt, reißt die Lücke an einer anderen Stelle auf.
Meine Deutung: Eine Lücke, für die es die Menschen rechnerisch nicht gibt, ist keine Vakanz mehr. Sie ist eine Betriebsbedingung. Und Betriebsbedingungen werden nicht überbrückt, sondern eingeplant.
Der Unterschied zwischen Engpass und Zustand
Alles, was ein Haus für Personallücken bereithält, ist auf Überbrückung gebaut: die Vertretungsregelung, der Springerpool, das Einspringen aus dem Frei, Mehrarbeit, Zeitarbeit. Diese Instrumente sind gut. Sie setzen nur alle dasselbe voraus — dass die Lücke wieder zugeht.
Führen mit 80 Prozent Besetzung ist kein Ausnahmezustand mehr.
Wer einen Dauerzustand mit Ausnahmewerkzeugen bearbeitet, verbraucht zuerst die Werkzeuge und dann die Menschen, die sie bedienen. Das Einspringen, das im Winter drei Dienste rettet, ist über zwei Jahre kein Rettungsanker mehr, sondern eine unbezahlte Erwartung.
Wen es zuerst verbraucht
Dass daraus eine Spirale wird, ist bekannt: Einer fällt aus, die anderen übernehmen, irgendwann kippt der Nächste. Weniger beachtet ist, in welcher Reihenfolge sie Menschen erfasst.
Die Last verteilt sich nicht gleichmäßig. Sie folgt der Verlässlichkeit. Wer ans Telefon geht, wird angerufen. Wer beim ersten Mal zugesagt hat, wird beim zweiten Mal zuerst gefragt. Wer nie absagt, steht auf keiner Liste — und wird trotzdem am häufigsten gebraucht.
Damit belastet das System bevorzugt genau die Menschen, deren Ausfall es am wenigsten verkraften würde.
Das ist niemandes Absicht. Es ist die Mechanik einer freundlichen Frage, die immer an dieselbe Person geht, weil man von ihr am seltensten ein Nein bekommt.
Was Führung hier nicht kann
Damit an dieser Stelle nichts Falsches steht: Führung schafft keine Stellen. Kein Seminar bringt eine Pflegekraft auf die Station, keine Haltung ersetzt eine Planstelle, und wer Ihnen etwas anderes verspricht, kennt Ihr Haus nicht.
Was in Ihrer Hand liegt, sind drei Dinge — und sie liegen tatsächlich dort, nicht bei der Geschäftsführung: wie die Last verteilt wird, in welcher Reihenfolge gearbeitet wird, und was nicht getan wird.
Der dritte Punkt ist der unangenehmste und der wichtigste. In einer Schicht mit 80 Prozent Besetzung wird nicht alles fertig. Das ist keine Frage des Engagements, das ist Arithmetik. Die Frage ist nur, wer die Auswahl trifft.
Wenn niemand sagt, was liegen bleiben darf, entscheidet das in jeder Schicht die Person mit dem schlechtesten Gewissen. Und sie entscheidet es jedes Mal neu, allein, unter Zeitdruck, ohne Rückendeckung.
Drei Entscheidungen, die niemand außer Ihnen treffen kann
Sagen, was liegen bleibt
Nicht als Erlaubnis im Einzelfall, sondern vorher und für alle hörbar. Priorisierung ist Führungsarbeit. Wer sie nicht leistet, hat sie nicht vermieden — er hat sie an das Gewissen der Schicht delegiert.
Einspringen zum Vorgang machen
Nicht als Gefallen, nicht als Dank in der Teamsitzung, sondern als Notiz: wer, wie oft, in welchem Zeitraum. Was nicht aufgeschrieben wird, verteilt sich immer auf dieselben Schultern.
Nichts zusagen, was die Besetzung nicht hergibt
Eine nicht gehaltene Zusage kostet mehr Vertrauen, als die gehaltene je eingebracht hätte. In einem Haus unter Dauerlast ist Verlässlichkeit die einzige Währung, die noch übrig ist.
Keine dieser drei Entscheidungen kostet eine Stelle. Alle drei kosten Unbequemlichkeit.
Was sich in der Arbeit mit Stationen zeigt
In der Arbeit mit Kliniken und Pflegeeinrichtungen habe ich vor mehreren tausend Menschen gesprochen, unter anderem in Zusammenarbeit mit der DAK-Gesundheit. Zwei Beobachtungen sind mir geblieben, und beide sind Erfahrung, kein Befund.
Die erste: Auf die Frage, was in einer unterbesetzten Schicht liegen bleiben darf, bekam ich fast nie eine Antwort von der Leitung. Ich bekam sie von den Pflegekräften — in der Übergabe, halblaut, als Aufzählung dessen, was sie heute wieder nicht geschafft hatten. Die Entscheidung war also getroffen worden. Nur nicht von der Person, die sie hätte verantworten können. Und bei wem das Druck und Stress erhöht, ist klar. In meiner Wahrnehmung überschreitet das nicht selten die Grenze zur Unfairness — in den Mitarbeiterbefragungen taucht es später wieder auf.
Die zweite: Fast alle Stationsleitungen, mit denen ich gesprochen habe, pflegten mit. Verständlich, oft unvermeidbar, und meistens die richtige Entscheidung in dem Moment. Nur ist eine Leitung, die mitpflegt, während der Schicht keine Leitung, sondern eine weitere Kraft im Dienst. Genau in diesen Stunden trifft niemand die Entscheidungen, für die sie eingesetzt ist.
Der Wert, der nicht im Dienstplan steht
Der Dienstplan zeigt, wer wann arbeitet. Er zeigt nicht, wer wie oft gerettet hat.
Nehmen Sie acht Wochen und ein Blatt. Für jeden kurzfristigen Einsprung eine Zeile: Datum, Name, ob aus dem Frei oder aus einem geplanten Dienst heraus. Mehr nicht.
In einem anderen Zusammenhang habe ich geschrieben, dass solche Aufzeichnungen keine Namen tragen dürfen. Hier gilt das Gegenteil, und zwar aus demselben Grund. Dort ging es darum, Leistung nicht zu bewerten. Hier geht es darum, Belastung zu sehen — und Belastung hat einen Namen, sonst ist sie nicht adressierbar. Sprechen Sie vorher mit Personalrat oder Mitarbeitervertretung, und sagen Sie dabei, wofür die Liste gedacht ist: nicht für die Beurteilung, sondern für die Entlastung.
Nach acht Wochen stehen erfahrungsgemäß zwei oder drei Namen deutlich oben. Es sind selten die, die man erwartet hätte, und fast nie die, die sich beschweren.
Und dann kommt der Teil, der wehtut: Wer oben auf dieser Liste steht, gehört nicht gelobt. Er gehört für die nächsten Wochen deutlich seltener gefragt.
Eine Lücke, die bleibt, ist keine Lücke mehr. Sie ist die Besetzung, mit der Sie führen.
Wenn in dieser Woche in Ihrem Bereich etwas liegen bleiben muss — wer entscheidet bei Ihnen, was?
Quellen und zum Weiterlesen
Zu den Zahlen: Bundesagentur für Arbeit, Berichte Blickpunkt Arbeitsmarkt — Arbeitsmarktsituation in Pflegeberufen, Stand Mai 2026, Bezugsjahr 2025. Gemeldete Stellen bilden nur einen Teil des tatsächlichen Bedarfs ab; die Zahl ist damit eher Untergrenze als Mitte.
Bundesagentur für Arbeit, Arbeitsmarktsituation in Pflegeberufen (PDF)
Warum der Krankenstand die Lage nicht mehr abbildet
